Besuch am Ennsmannhof

Mit der Natur arbeiten

Eine Begegnung mit dem Tiroler Jahrling auf dem Ennsmannhof in Oberndorf.

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Es ist noch einmal fast ein wenig sommerlich in Oberndorf im Bezirk Kitzbühel. Anfang September ist die Weide auf dem Ennsmannhof noch grün. Mit Blick auf das Kaisergebirge auf der einen Seite und dem Kitzbühler Horn auf der anderen, grast weiß-braunes Fleckvieh, ein Kalb trinkt von Euter der Mutterkuh. Heuer sind die Rinder ein bisschen früher von der nahegelegenen Alm bei Fieberbrunn zurückgekommen. „Die Kuh da drüben wird bald kalben“, erklärt Hansjörg Landmann und zeigt auf ein hell geflecktes Tier, das wirklich sehr schwer aussieht. „Da ist mir lieber, wenn das hier im Tal passiert.“ Der Hof von Hansjörg Landmann ist über 600 Jahre alt, er hat ihn von seinem Vater geerbt. Dennoch sehen die Ställe alles andere als konventionell aus. Schon mit dem EU-Beitritt ist der Ennsmannhof auf Bio-Betrieb umgestellt worden. „Als ich dann noch einen offenen Stall gebaut habe, ist das auf wenig Verständnis gestoßen.“ Damals war die Milchmenge, die ein Betrieb produzieren durfte, durch Kontingente vorgegeben. Da schien die Mutterkuhhaltung, mit der man bereits im Salzburger Pinzgau Erfahrung hatte, eine gute Alternative. Heute ist Hansjörg Landmann einer der erfahrendsten Mutterkuhhalter im Land und als solcher auch Obmann der Erzeugergemeinschaft.

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Hansjörg Landmann mit seinem Fleckvieh

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Der Ennsmannhof in Oberndorf bei Kitzbühel


Mutterkuhhaltung, die natürlichste Form der Viehzucht

Die Grundidee ist einfach. Anstatt die Milch zu verkaufen, überlässt man sie dem Kalb und verkauft anschließend dieses. „So lässt sich der natürliche Zyklus in ein Geschäftsmodell umsetzen.“ Ganz so einfach ist es in der Praxis natürlich nicht. Aber die Mutterkuhhaltung hat viele Vorteile. Die Landwirte sind zeitlich viel flexibler, wenn sie nicht zweimal am Tag melken müssen. Das ist vor allem für die vielen Nebenerwerbsbauern von Bedeutung. Für die Tiere ist dies die natürlichste und artgerechteste Haltungsform. Vor allem auf einem Vorzeigebetrieb wie dem Ennsmannhof. Seinen ungewöhnlichen Stall hat Hansjörg Landmann über den Sommer noch ein wenig optimiert. Er ist bequem für die Tiere, die darin leben, und für die Menschen, die darin arbeiten.  Auf einer Seite ist er komplett offen. Wenn die Sonne im Winter tiefer steht, scheint sie in den Stall hinein. Die Kühe haben immer frische Luft und ein viel gesünderes Umfeld. Eine dicke Strohschicht auf dem Boden sorgt für Komfort. Vom Stall aus können die Tiere jederzeit nach Belieben auf die 3 ha große Weide gehen. Das Beste ist aber die kleine „Wellness-Anlage“. Vor dem Stall hängt eine riesige Bürste. Drückt sich eine Kuh dagegen, beginnt sie zu rotieren und gibt ihr eine Massage. „Wenn wir im Herbst von der Alm zurückkommen, läuft die Bürste erst einmal zwölf Stunden durch“, lacht Landmann.

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Neugeborenes Kalb in der Ruhezone des offenen Stalls


Herausforderungen der heimischen Landwirtschaft

Doch es ist nicht alles ein Heile-Welt-Idyll wie aus der Tourismus Werbung. Mit internationalen Großbetrieben zu konkurrieren, die viel bessere Ausgangsbedingungen hinsichtlich Klima und anderen Faktoren haben, ist eigentlich unmöglich. Deshalb sind auch Landwirte, die „nebenher“ Vollzeit arbeiten müssen, keine Seltenheit. Wer bestehen will, muss alles richtig machen und darauf hoffen, dass den Kunden die hohe Qualität des Fleisches, die Sicherheit der Herkunft und vor allem der unübertreffbare Standard beim Tierwohl den höheren Preis wert ist.

Landmann weiß genau, wie es richtig geht. Eine Kuh gibt etwa 10-11 Monate lang Milch. Mit Muttermilch und einer guten Weide ist es möglich, ein Kalb auch ohne zusätzliches Kraftfutter gesund und natürlich zu ernähren. Wo ein Laie nur eine grüne Wiese sieht, steckt viel Arbeit und Erfahrung drin. Die richtige Zusammensetzung des Grases, die nötige Trittfestigkeit und eine gute Durchwurzelung kann nur mit ausgefeilter Grünlandwirtschaft erreicht werden. Heute profitiert man auf dem Ennsmannhof von der jahrelangen Erfahrung und Vorarbeit. „Wenn es rund läuft, greifen alle Puzzleteile ineinander und man kann die Natur Natur sein lassen.“ Dennoch bedeutet die Mutterkuhhaltung, dass man zwei Tiere füttern muss, um eines zu bekommen. Die Förderung der Agrarmarketing gibt es inzwischen nicht mehr. „Der größte Regionalitätszuschlag ist heute für mich die unkomplizierte wöchentliche Abnahme durch MPREIS“. Denn zum natürlichen Zyklus gehört auch, dass es im Winter mehr Angebot gibt, als im Sommer, wenn die Tiere auf der Alm sind, die Nachfrage aber wegen der Grillsaison groß wäre. Da ist es wichtig, einen verlässlichen Partner zu haben, der garantiert die gesamte Produktion zu einem fairen Preis abnimmt, auch wenn die Mengen stark schwanken.

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Der offene Stall bietet Komfort für Tier und Mensch


Die Zukunft der Kuhzunft

Spricht man mit Hansjörg Landmann über die Herausforderungen und die Zukunft der heimischen Landwirtschaft, hört man den Fachmann und den Philosophen heraus. „Man muss sich schon überlegen, wo man hin will. Wenn alles nur möglichst billig sein soll, hat das langfristig einen hohen Preis“. Wie kritisch es sein kann, gerade bei der Versorgung mit Lebensmitteln in eine zu große Abhängigkeit von langen Lieferketten aus dem Ausland zu geraten, hat die jüngste Krise gezeigt. Gab es anfangs Befürchtungen, die Menschen würden weniger zum hochpreisigen regionalen Fleisch greifen, so erwies sich zum Glück das Gegenteil. Heute gibt es einen klar erkennbaren Trend zu regionalen Produkten. Viele KonsumentInnen wissen, dass in dem höheren Preis auch ein größerer Wert steckt und dass es Sinn macht, sich etwas Besseres zu gönnen, dafür vielleicht weniger oft.

Auf dem Ennsmannhof gibt es jedenfalls keine Zweifel am eingeschlagenen Kurs. Hier dreht sich der Kreislauf stetig weiter. Als wir aus dem Haus kommen, liegt ein neugeborenes Kalb auf der Wiese. Die trächtige Kuh hat es inzwischen ganz alleine auf die Welt gebracht. Das heißt wohl, die Natur Natur sein lassen.

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